Damals waren alle Hippies. Dumm wie Nina Hagen.
Damals waren alle Hippies. Dumm wie Nina Hagen.
Jeden Tag die gleichen Sachen machen. Jeden Morgen das flaue Gefühl im Magen auf dem Weg zur Arbeit. Die Reise ins Grau. Irgendwas ist immer. Kein Feuerzeug im Auto, kein Benzin, keine Musikcassette, Stau, mieses Wetter. Und dazu dann diese gruselige Musik im Radio. Alles ist klamm. Die Farbe des Asphalts ist die des Himmels, die der protestantisch calvinistischen Häuser. Sogar die vereinzelten grünen Inseln schaffen es grau zu wirken. Bäume gibt es hier nur an den Stellen, aus denen auf keine irgendwie erdenkliche Art Gewinn herauszuschlagen wäre. Einer der vielen Nachteile unserer Art zu wirtschaften. Einige andere: „Modern Talking“ oder „Captain of your heart“. Kein Parkplatz, herumkurven, Stress, Streit. Hetzen. Man ist zu jung um sich zu fügen. Der Versuch ein par Minuten für sich selbst und eigene Gedanke herauszuschinden, führt zwangsläufig zu Folgekonflikten.
Der Geruch im Treppenhaus, der durch einen Nebeneffekt des menschlichen Lernens sich in der Erinnerung fest verzahnt hat mit dem dumpfen Gefühl das regelmäßig in Zusammenhang mit dieser Arbeit auftaucht. Ein Gefühl des Aufstehenwollens, des Wegwollens, der Langeweile und Unterforderung. Ein ständiges sich zusammenreißen. Und das Gefühl taucht jetzt schon auf, bevor die Symptome auftreten. Es ist ja noch gar nicht langweilig, aber es riecht schon so. 5 Minuten vergehen indem man aus dem Monatslohn zuerst den Tages und dann den Stundenlohn, sowie den Minuten- und den Sekundenlohn errechnet. Weitere 5 bis 10 Minuten könnte man durch errechnen der zehntel, hundertstel und tausendstel, ja Nanosekunden herum kriegen, weil man zunächst herausfinden müsste, was eine Nanosekunde noch mal war. Diese sind aber irrelevant, da man sie auf einer normal eingestellten Uhr nicht angezeigt bekommt. Der Gedanke, das jede herumgebrachte Sekunde mit einem Betrag verbunden ist, den man später ausgezahlt bekommen wird, tröstet leider überhaupt nicht – angesichts des Preises. So schlimm wie sich die Sekunden anfühlen, müssten sie weitaus teurer sein. So bleibt das herumrechnen nur eine weitere Demütugung. Und bedeutet im Übrigen eine Gefahr, da es die Produktivität des Rechnenden untergräbt. Irgendwann wird das jemandem Auffallen.
Aus Punk wird Kleinkunst Indem alle das Gleiche sagen den Kapitalismus hinterfragen und das Authentische als Lüge enttarnen Indem alle Rebellen sind die Mitnichten einverstanden sind Regionale Kampagnen planen vor der Gentrifizierung warnen entzünden sie Lichterketten um die Welt zu Retten! Und aus Punk wird Kleinkunst Früher war alles Scheiße und man wollte bloss sterben. Und dem Bürger ans Leder heute will man ihn beerben Feuer und Flamme für den Staat - damals. Heute holt man sich das Geld dort ab, wo es noch welches gibt: Im Theaterbetrieb. Und aus Punk wird Kleinkunst Wir waren gegen die Regeln In der Kunst und im Leben Die Lehrer hatten keine Ahnung Beuys war nicht zu ertragen Sie trugen ihre Fackeln in Jutetaschen nach Bonn Das war alles ein Witz und jetzt kaufen die Idioten auch noch unseren Kiez Und aus Punk wird Kleinkunst Aber in den kleinen Nischen im Schatten unter Glas und Stahl da werden wir überleben auf jeden Fall hier werden wir zusammen wenn wir’s nicht schon sind alt und besoffen. Gute Nacht mein Kind. Und aus Kunst wird Kleinkunst.
Das kleine Mädchen im Trachtenkostüm freut sich über die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird. Mutti und Pappi fotografieren. Um sie herum wird das Getümmel immer dichter und aufgeregter, die Spannung steigt. Vom Bellevue die Uferpromenade herunter verliert die Stadt mehr und mehr ihren Glanz, je näher jeweils die Strasse kommt. Bei Sommerwetter ist das anders - aber jetzt hat der Wind entschieden von den kalten Bergen herunter zu wehen und mit ihm kommen trübe Gedanken. Was ist das für eine Gabe und was für ein Fluch, zu wissen von welchen Menschen man sich fernhalten muss und das hinter der Aggression immer eine tiefe Traurigkeit steckt. Früher hatten wir Angst vor Kettenhunden. Kettenhunde waren traurige, hospitalisierende, vernachlässigte Weggefährten und Begleiter. Bissig. Ich kenne viele solche Menschen. Die Kapellen fangen an zu proben. „Poupée de cire“ und „always look on the bright side of life.“ Verblüffend. Während Vulkanasche aus Island über Europa herunterrieselt, kaufen junge Menschen in engen Hosen Sechserpacks Bier am Bahnhofskiosk. Sie sehen eigentlich ganz glücklich dabei aus.
Stellen sie sich eine Hügellandschaft vor. Es sind langgezogene Hügel, die eine Rinne bilden. Zwischen den Hügeln ein Ort. Dann noch einer und noch einer und wenn sich die Landschaft verändert kommen noch mehr Orte, es hört einfach nicht auf. Aber jetzt geht es erstmal um diesen hier. Warum? Weil sie da sind. Sie haben es sich vorgestellt und jetzt sind sie da. Die frische Luft weht über die Hügel hinweg, an den Rändern oben ist es kalt und zugig. Unten lässt die Frischluftzufuhr zu wünschen übrig. Sie fahren mit dem Fahrrad die falsche Seite, den falschen Berg hinauf. Auf dem letzten Viertel wird es wahnsinnig anstrengend, aber sie bekommen endlich einen Überblick. In Ihren Augen ist es mehr, als andere sehen würden. Sie haben ihre Jugend hier verbracht. Ihre kindliche Fantasie hat aus jedem Feldweg ein magisches Abenteuer gemacht. Und diese Abenteuer wohnen hier noch. So wie ein Raum, der größer erscheint, wenn viele Menschen drin sind, erscheint ihnen Tutenhagen eine gewisse Größe zu haben aufgrund von Erinnerungen, die gar nicht real sind. Nennen sie es ruhig Heimat, viel steckt nicht dahinter.
ist eigentlich gar nicht lustig. Lustig ist, dass er immer so plötzlich aus dem Nichts auftaucht. Da man keine Gelegenheit bekommt, das Gesicht das er macht in Ruhe anzusehen, schmückt die eigene Fantasie es soweit aus, dass man sich im Nachhinein an irgendetwas wahnsinnig Witziges zu Erinnern meint. Timing ist alles bei ihm. Würde man ihn einmal für längere Zeit zu Gesicht bekommen, würde er sehr schnell langweilig werden und alles Komische verlieren.
Eigentlich nur ein leichter Windhauch, der durch die heftige Reaktion der Pappelallee erst spürbar wird. Seit einigen Tagen, vielleicht Wochen liegt eine drückende Hitze über dem Land. Ich gehe mit, oder ohne Hund, Fahrrad, Freund die Straße herunter. Ich gehe alleine. Ich bin auf der Suche. Irgendwo wird es etwas zu entdecken geben. Das kann unmöglich alles leer sein um mich herum, irgendetwas muss es hier geben. Vielleicht in dem kleinen Wäldchen? Auf der Lichtung, die irgendeinen Zauber an sich hat, wenn die Sonne scheint, und so völlig unauffällig ist, wenn es regnet. Auf dem Weg dorthin: das Haus mit den Vogelvolieren. Auch dort, in diesem Haus gibt es ein Geheimnis. In einigen anderen auch, in manchen gar nicht, aber in diesem ganz besonders. Ich komme aber nicht dahinter, denn ich kann nicht hinein. Ich kenne dort niemanden. Also doch die Lichtung. Ja, die Sonne scheint, ja sie ist bezaubernd. Aber niemand da, mit dem dieser Zauber teilen könnte und wie sollte man davon erzählen? Es scheint alles ganz unbedeutend. Kein riesiger Pilz und auch kein Einhorn: Einfach nur ein Zauber. Es braucht Zeit zu versuchen ihn in sich aufzunehmen und das ist nur einen Augenblick bevor er wieder verfliegt, sich als Illusion entpuppt, als Produkt der eigenen Fantasie, die so viel mehr hervorbringt als einfach nur Bilder. Es sind Geräusche zum Beispiel. Und Gefühle. Ganze Ströme von Körperchemie. Ach, wenn das Kino nur schon so weit wäre. Weiter hinab in den Wald. Er ist nur ein Restwald, ein kleines Alibiwäldchen inmitten der landwirtschaftlichen Nutzfläche, aber das spürt man nicht inmitten der Bäume. Je enger sie stehen, um so größer die Angst vor Insekten, die man nun nicht mehr rechtzeitig erkennt um sagen zu können, ob sie stechen. Vielleicht stechen sie schon bevor man sie sieht? Es wird kühl und stickig. Hier werden Pilze leben, man kann sie spüren, fast riechen. Unter den Füßen der trockene Nadelbelag scheint noch einmal eine eigene Welt zu beherbergen. Die Welt der Ameisen und Asseln, die uns nur als leichten Druck, als Delle ihres Himmels wahrnehmen. So viele – du störst. Außerdem: sie könnten stechen. Ein Kuhwiese, Stacheldraht und Kuhgeruch. Das Landleben. Der Bauer denkt nicht nach, er betreibt Kontemplation. Angeblich.
Das Haus des Fahrlehrers. Der Porsche muss in der Garage stehen. 200 m weiter: der kleine Löschteich. Auch hier, unter der dicken Schicht schwimmender grüner Grütze ein Geheimnis. Dunkles Leben, der Wassermann und sein Onkel der Moormann, oder vielleicht einfach nur eine Wasserleiche, oder ein altes Fahrrad. Daneben das Haus der Mofarocker. Jeansjacken, Nieten, Mofas. Puch oder Herkules. Kugelschreibertatoos. Ebenfalls geheimnisvoll. Born To Death. Filzstiftzeichnungen auf den Jackenrücken. Immer noch die drückende Hitze. In der Tasche irgendwo noch 40 Pfennig, gerade genug für zwei Kugeln Eis. Die Eisdiele gleich gegenüber. Einer der Mofarocker raucht Attica, oder Milde Sorte. In der Eisdiele läuft Adriano Celentano. In der Mofadisco dagegen Sweet und gleich danach „Ein Bett im Kornfeld“ Es ist Kinderdisco am Samstagnachmittag. Die Kinder halten sich selbst für Jugendliche und rauchen, oder trinken Bier um das zu unterstreichen. Das ist natürlich nicht erlaubt und schon gibt es etwas zu verstecken, heimlich zu tun, ein Abenteuer zu bestehen. An den Mofas sind gleich nach der Anschaffung verschiedene betriebstechnische Veränderungen vorgenommen worden, die sich jetzt vergleichen lassen. Sound und Geschwindigkeit lassen sich auf der 2000m Testsrecke überprüfen, die sich ebenfalls hier befindet. Die Ahnen der Mofarocker befahren die nahegelegene Bundesstrasse mit ihren Opel Mantas, oder was auch immer, und parken vor der Eisdiele. Hier drücken sie ihre Zigaretten auf dem Pflaster aus. Man könnte direkt in die Zukunft sehen, wenn man wollte. In dem Keller des Spritzenhauses, wird ein Verbrechen begangen werden. Vielleicht an diesem Nachmittag. Es wird heruntergespielt werden, als ich zufällig davon erfahre und ich werde mir überhaupt erst Jahre später zusammenreimen können, was wirklich passiert sein mag. Jetzt bin ich noch zu klein. Ich schaue in die Wolken. Ob auch sie eine Bedeutung haben? Irgendwann werde ich dort Gesichter erkennen, jetzt sind es tatsächlich Schäfchen.
Immer diese Pappelalleen. Wie lange es wohl schon eine Vorliebe für diese Art der Bepflanzung in der Gegend hier gibt? Sind es schnell wachsende Bäume, die nach Krieg und Zerstörung so schnell wie möglich das schlimmste zu vergessen halfen? Ich glaube kaum. Vom Krieg erfahre ich auch nichts. Eine große Zerstörung hat es hier aber wohl nicht gegeben. Nur ein par wenige abgeladene Bomben die als überwucherte Krater in den Wäldern zu bestaunen sind und deren Koordinaten von Kindergeneration zu Kindergeneration weitergegeben werden, wie die unschuldigen schlüpfrigen Reime, von denen die Erwachsenen nichts wissen sollen. Kastaniensammeln. Säckeweise. Es gibt also auch noch andere Bäume. Man hört nicht auf zu hoffen, aber mit zwei älteren Brüdern an den Hacken hat man aber nie eine Chance auf den größten Sack.
Das Ende kommt langsam, schleichend, als haarige Sackkarre für Katzensargdeckel mit der Aufschrift: „Katzensargdeckelfabrik“.
Wind weht die Strassen herunter. Ein eisiger Wind der sich kalt und klamm anfühlt und doch warm genug ist um den Schnee zu schmelzen, der sich seit einigen Wochen vertuschend über den Dreck der Stadt gelegt hat. Jetzt kommt alles wieder raus. Der Wind ist unser Medium. So wie der Fisch im Wasser lebt, leben wir in der Kälte, die wir nur spüren, wenn sie in Bewegung gerät. Wenn es noch eine Schicht Gas über uns gäbe, sagen wir aus Helium oder Sauerstoff, dann hätten wir vielleicht auch eine Schwimmblase. Gibt es aber nicht. Über uns ist nur das Nichts. Die Entfernung von uns, bis dorthin, wo wieder etwas kommt, nach dem Nichts, meine Ich, ist so groß, das man sie sich nicht vorstellen kann. Noch weniger kann man sich vorstellen, sie könnte jemals überbrückt werden. Weder in der Zeit, noch im Raum kann man großartig herum reisen. Nur nach Mallorca kann man, oder nach Neuseeland. Na, toll. Da bleibe ich doch lieber gleich hier.
Es gibt alle möglichen Arten von Großmäulern. Geschickte, ungeschickte dumme, schlaue, angesehene und verachtete, oder alle diese Spielarten gemischt. Es ist nicht leicht ein Großmaul gleich als solches zu erkennen, oder zu entlarven. Es gehört ein gewisses Maß an Erfahrung dazu immer gleich zu erkennen, ob es sich bei einer Person um einen inspirierten Geist, oder um eine Flachpfeife handelt. Besonderes hart trifft es dann die, die auf der Suche nach einem inspirierten Geist sind: eben haben sie Hoffnung geschöpft, da entpuppt sich jemand an den sie beschämend lange geglaubt haben als Großmaul. Ein Hinweis darauf, dass jemand ein Großmaul ist, ist oft sein Umgang. Das Großmaul vermeidet den Umgang mit all zu intelligenten, oder Menschen, die zu weit herum gekommen sind ganz bewusst, um die Gefahr der Enttarnung zu minimieren. Auch sucht es oft die Nähe von jungen, vielleicht weniger weit herumgekommenen Menschen, die es zu seinen Bewunderern machen möchte und die es oft geschickt umwirbt, indem es sich um sie kümmert. Hat man etwas Erfahrung, kann man das Untier leicht in Verlegenheit bringen, indem man Fragen stellt. Es reagiert dann so, das es andere Fragen stellt um die Führung des Gesprächs wieder zu erlangen. Nur im allergrößten Notfall und also eigentlich gar nicht, läßt es sich auf eine wirkliche Diskussion inhaltlicher Thematiken ein, denn es möchte nicht diskutieren, sondern dominieren. Es wird also immer der Beantwortung von Fragen ausweichen und stattdessen neue Behauptungen in den Raum werden. Großmäuler sind leider gar nicht so selten und kommen in allen Gesellschaftsschichten vor. Sie gehören zu den hartnäckigsten Dieben des kostbaren und unwiederbringlichen Guts: Der Zeit.