Eigentlich nur ein leichter Windhauch, der durch die heftige Reaktion der Pappelallee erst spürbar wird. Seit einigen Tagen, vielleicht Wochen liegt eine drückende Hitze über dem Land. Ich gehe mit, oder ohne Hund, Fahrrad, Freund die Straße herunter. Ich gehe alleine. Ich bin auf der Suche. Irgendwo wird es etwas zu entdecken geben. Das kann unmöglich alles leer sein um mich herum, irgendetwas muss es hier geben. Vielleicht in dem kleinen Wäldchen? Auf der Lichtung, die irgendeinen Zauber an sich hat, wenn die Sonne scheint, und so völlig unauffällig ist, wenn es regnet. Auf dem Weg dorthin: das Haus mit den Vogelvolieren. Auch dort, in diesem Haus gibt es ein Geheimnis. In einigen anderen auch, in manchen gar nicht, aber in diesem ganz besonders. Ich komme aber nicht dahinter, denn ich kann nicht hinein. Ich kenne dort niemanden. Also doch die Lichtung. Ja, die Sonne scheint, ja sie ist bezaubernd. Aber niemand da, mit dem dieser Zauber teilen könnte und wie sollte man davon erzählen? Es scheint alles ganz unbedeutend. Kein riesiger Pilz und auch kein Einhorn: Einfach nur ein Zauber. Es braucht Zeit zu versuchen ihn in sich aufzunehmen und das ist nur einen Augenblick bevor er wieder verfliegt, sich als Illusion entpuppt, als Produkt der eigenen Fantasie, die so viel mehr hervorbringt als einfach nur Bilder. Es sind Geräusche zum Beispiel. Und Gefühle. Ganze Ströme von Körperchemie. Ach, wenn das Kino nur schon so weit wäre. Weiter hinab in den Wald. Er ist nur ein Restwald, ein kleines Alibiwäldchen inmitten der landwirtschaftlichen Nutzfläche, aber das spürt man nicht inmitten der Bäume. Je enger sie stehen, um so größer die Angst vor Insekten, die man nun nicht mehr rechtzeitig erkennt um sagen zu können, ob sie stechen. Vielleicht stechen sie schon bevor man sie sieht? Es wird kühl und stickig. Hier werden Pilze leben, man kann sie spüren, fast riechen. Unter den Füßen der trockene Nadelbelag scheint noch einmal eine eigene Welt zu beherbergen. Die Welt der Ameisen und Asseln, die uns nur als leichten Druck, als Delle ihres Himmels wahrnehmen. So viele – du störst. Außerdem: sie könnten stechen. Ein Kuhwiese, Stacheldraht und Kuhgeruch. Das Landleben. Der Bauer denkt nicht nach, er betreibt Kontemplation. Angeblich.
Das Haus des Fahrlehrers. Der Porsche muss in der Garage stehen. 200 m weiter: der kleine Löschteich. Auch hier, unter der dicken Schicht schwimmender grüner Grütze ein Geheimnis. Dunkles Leben, der Wassermann und sein Onkel der Moormann, oder vielleicht einfach nur eine Wasserleiche, oder ein altes Fahrrad. Daneben das Haus der Mofarocker. Jeansjacken, Nieten, Mofas. Puch oder Herkules. Kugelschreibertatoos. Ebenfalls geheimnisvoll. Born To Death. Filzstiftzeichnungen auf den Jackenrücken. Immer noch die drückende Hitze. In der Tasche irgendwo noch 40 Pfennig, gerade genug für zwei Kugeln Eis. Die Eisdiele gleich gegenüber. Einer der Mofarocker raucht Attica, oder Milde Sorte. In der Eisdiele läuft Adriano Celentano. In der Mofadisco dagegen Sweet und gleich danach „Ein Bett im Kornfeld“ Es ist Kinderdisco am Samstagnachmittag. Die Kinder halten sich selbst für Jugendliche und rauchen, oder trinken Bier um das zu unterstreichen. Das ist natürlich nicht erlaubt und schon gibt es etwas zu verstecken, heimlich zu tun, ein Abenteuer zu bestehen. An den Mofas sind gleich nach der Anschaffung verschiedene betriebstechnische Veränderungen vorgenommen worden, die sich jetzt vergleichen lassen. Sound und Geschwindigkeit lassen sich auf der 2000m Testsrecke überprüfen, die sich ebenfalls hier befindet. Die Ahnen der Mofarocker befahren die nahegelegene Bundesstrasse mit ihren Opel Mantas, oder was auch immer, und parken vor der Eisdiele. Hier drücken sie ihre Zigaretten auf dem Pflaster aus. Man könnte direkt in die Zukunft sehen, wenn man wollte. In dem Keller des Spritzenhauses, wird ein Verbrechen begangen werden. Vielleicht an diesem Nachmittag. Es wird heruntergespielt werden, als ich zufällig davon erfahre und ich werde mir überhaupt erst Jahre später zusammenreimen können, was wirklich passiert sein mag. Jetzt bin ich noch zu klein. Ich schaue in die Wolken. Ob auch sie eine Bedeutung haben? Irgendwann werde ich dort Gesichter erkennen, jetzt sind es tatsächlich Schäfchen.
Immer diese Pappelalleen. Wie lange es wohl schon eine Vorliebe für diese Art der Bepflanzung in der Gegend hier gibt? Sind es schnell wachsende Bäume, die nach Krieg und Zerstörung so schnell wie möglich das schlimmste zu vergessen halfen? Ich glaube kaum. Vom Krieg erfahre ich auch nichts. Eine große Zerstörung hat es hier aber wohl nicht gegeben. Nur ein par wenige abgeladene Bomben die als überwucherte Krater in den Wäldern zu bestaunen sind und deren Koordinaten von Kindergeneration zu Kindergeneration weitergegeben werden, wie die unschuldigen schlüpfrigen Reime, von denen die Erwachsenen nichts wissen sollen. Kastaniensammeln. Säckeweise. Es gibt also auch noch andere Bäume. Man hört nicht auf zu hoffen, aber mit zwei älteren Brüdern an den Hacken hat man aber nie eine Chance auf den größten Sack.